Mit Hirn, Hand und Herz

Gemeinsam mit lokalen Organisationen hat die africrops! GmbH eine Trainingsfarm für Biolandbau in Namibia aufgebaut.

zwei namibische Auszubildende in Arbeitskleidung lesen gemeinsam in einem Buch oder einer Broschüre

Namibia gehört weltweit zu den Ländern mit den höchsten Gini-Koeffizienten, ein Maß für die Ungleichverteilung der Einkommensanteile verschiedener Bevölkerungsgruppen. Das verwundert nicht, stellt man doch fest, dass es dort einerseits Menschen gibt, deren Lebensstile sich auf europäischem Niveau bewegen, andererseits Jäger und Sammler, die an den Ressourcen des Landes nicht teilhaben. Die Grenzen entsprechen weitgehend denen der ethnischen Zugehörigkeit. Während die "Deutschnamibier" an der Spitze der Pyramide stehen, sind die Khoisan der Kalahari-Wüste und Ethnien wie die Ovahimba ganz unten angesiedelt.

Ungleichverteilung manifestiert sich insbesondere durch das Bildungssystem. Daher hat die namibische Regierung seit Beginn des Millenniums ein ehrgeiziges Reformprogramm aufgesetzt.

Das Education and Training Sector Improvement Program (ETSIP) orientiert sich an anglophonen Bildungs- und Ausbildungssystemen moderner Staaten, insbesondere an Australien und Kanada. Es zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es inhaltlich aus definierten Bausteinen, den Unit Standards, besteht, die, einem Puzzle gleich, zu einem Curriculum zusammengesetzt werden können. Sie sind so beschaffen, dass Kompetenzen der Auszubildenden aufgebaut werden sollen, die ihnen einen Einstieg in das Berufsleben ermöglichen. Nach Beratung durch externe Expertinnen und Experten hat Namibia auf diese Weise Curricula für verschiedene Berufsfelder entwickelt.

Die daraus resultierenden Qualifikationen sind ebenfalls anglophonen Ländern angeglichen. Es werden zehn verschiedene Qualifikationsstufen unterschieden, wobei Stufe 1 einer Primarstufenausbildung entspricht und Stufe 10 einer Qualifikation zum Doktor eines Fachgebietes.

Mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zum Handwerker oder Landwirt erreicht man Qualifikationsstufe 3; die Ausbildung findet an Berufsbildungszentren statt. Zugelassen wird nur, wer die 12. Klasse erfolgreich abgeschlossen hat, was auch die Voraussetzung für ein Studium ist. Das heißt: Junge Menschen, die die Sekundarschule nicht erfolgreich abgeschlossen haben, dürfen auch keine Ausbildung absolvieren. Die Folge davon: Die Bevölkerungsgruppen trennen sich wieder gemäß dem oben erwähnten Hierarchieprinzip.

Ausbildung auch ohne Schulabschluss möglich

Um dies zu verhindern, hat Namibia eine Möglichkeit geschaffen, junge Leute ohne Abschluss der 12. Klasse in eine Ausbildung zu bringen. Sie können eine Berufsausbildung absolvieren, die mit einer Qualifikation auf Stufe 2 abschließt.

Auf dieser Grundlage hat africrops! gemeinsam mit der namibischen Organisation Komeho ein Ausbildungsprogramm zusammengestellt. Wer diese Bildungsmaßnahme erfolgreich beendet, kann danach entweder in die Berufswelt wechseln oder wieder in das Bildungssystem zurückkehren und sich weiter die Qualifikationsleiter hocharbeiten.

Eine Besonderheit der landwirtschaftlichen Ausbildung stellt das Umfeld im Bio-Landbau dar. Daraus ergeben sich mehrere Vorteile. Nachhaltigkeitsprinzipien werden bereits zu einem frühen Zeitpunkt im beruflichen Werdegang vermittelt. Bio-Farming steht außerdem nicht in Konkurrenz zum konventionellen Farming. Dadurch ergeben sich weniger Reibungspunkte mit den vorhandenen Bildungseinrichtungen. Inhaltlich ist eine Bio-Ausbildung umfassender und spiegelt die Realität von Kleinbauern, die mehr Kenntnisse zum Zusammenspiel von Boden, Pflanze und Tier erfordert, eher wider als eine Ausbildung in konventionellen Techniken.

namibische Frau in Arbeitskleidung arbeitet mit einem Spaten

Trainees entstammen häufig marginalisierten Ethnien wie diese Frau zum Beispiel den Khoisan.

Partner vor Ort

Es ist wichtig, dass nicht der externe Partner die treibende Kraft hinter einem Fortbildungskonzept ist, sondern der Partner vor Ort. Die Komeho Development Agency aus Windhoek ist eine seit Jahrzehnten etablierte Organisation, die insbesondere die Ungleichheiten im Land adressiert und bereits seit sieben Jahren mit africrops! zusammenarbeitet. Der Vertrauensaufbau ist extrem wichtig, um eine solche Herausforderung wie ein komplettes Ausbildungsprogramm zu stemmen.

Die Zusammenarbeit der Nichtregierungsorganisation mit africrops! als einem Partner der Privatwirtschaft hat sich auch deshalb als fruchtbar erwiesen, weil Elemente zu Entrepreneurship und Business-Entwicklung in die Ausbildung eingebaut werden konnten. Die angehenden Farmerinnen und Farmer können so den Erfolg eines eigenen Betriebes besser sicherstellen.

Curriculumentwicklung: Competency Based Education and Training (CBET)

CBET findet sich in einer Reihe anglophoner afrikanischer Länder. Das Kernstück dieser Art der Curriculumentwicklung bildet die Formulierung von Kompetenzen. Jede Kompetenz ist in einer diskreten Einheit definiert, den sogenannten Unit Standards. Jeder Unit Standard definiert die Qualifikationsstufe und Zeitdauer, in der die entsprechende Kompetenz erworben werden soll, begleitet von Leistungspunkten (Credits). Weiterhin werden Kriterien und Strategien der Bewertung vorgegeben bzw. vorgeschlagen.

Bei der neu geschaffenen Berufsausbildung für Landwirtschaft in Namibia soll besonderes Augenmerk auf die Bewertung (Assessment) gelegt werden. Während dafür allzu häufig auf mündliche und schriftliche Prüfungen zurückgegriffen wird, ist es meistens sehr viel sinnvoller, andere Strategien der Bewertung heranzuziehen. Vor allem schriftliche Prüfungen geben ein verzerrtes Bild wider, weil sie häufig eher Sprachkompetenz als − in diesem Fall − landwirtschaftliche Kompetenz ermitteln.

Hier sind Strategien wie Portfolios (zum Beispiel Fotodokumentationen der Erzeugnisse auf einem eigenen kleinen Beet mit dem fast immer vorhandenen Smartphone) oder Peer Assessment (gegenseitige Beurteilung der Auszubildenden, zum Beispiel "Du musst hier mehr wässern, dein Beet braucht mehr Kompost, guck mal, bei mir funktioniert das so") sehr viel zielführender. Durch die Einführung kleiner Parzellen, die von einem Trainee bewirtschaftet werden, wird auch ein "Eigen-Assessment" ermöglicht.

Eine Reform, wie sie ETSIP darstellt, muss so gestaltet sein, dass man nicht in alte Muster zurückfällt oder erratisch und unreflektiert Neues ausprobiert. Daher sind Definitionen, die leicht verstanden und umgesetzt werden können, sehr wichtig. Dazu gehört auch die Begrifflichkeit "Kompetenz". Häufig werden Begriffe wie "hands on" oder "learning by doing" benutzt, die allerdings zu kurz greifen, weil sie die Bedeutung von Fachwissen vernachlässigen. Noch weniger wird eine dritte Komponente beachtet, nämlich die Ausbildung von Werten und inneren Haltungen. Daher hat africrops! das Prinzip H3 eingeführt: "Hirn – Hand – Herz" oder auf Englisch: "Head – Hand – Heart". Das Zusammenspiel dieser drei Komponenten definieren wir als Kompetenz.  

Blick von der Ferne über Felder auf die Hofstelle

Blick auf die Ausbildungsfarm

Enge Zusammenarbeit mit der Namibia Training Authority (NTA)

Während CBET unbestritten hochmodern und effektiv ist, muss es aber auch umsetzbar sein. Dazu braucht es eine enge Zusammenarbeit mit der zuständigen Trainingsbehörde, die letztendlich auch die Zertifikate ausstellt, sowie gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer.

Wir kooperieren gut mit der Namibia Training Authority (NTA), die im Rahmen von ETSIP aufgebaut wurde. Hier waren verschiedene Schritte nötig. Zunächst wurde mit den Fachabteilungen der Behörde der neueste Stand für landwirtschaftliche Trainings ermittelt und diskutiert, verbunden mit der Zusicherung, dass auch in diesem Rahmen implementiert werden soll.

In einem nächsten Schritt haben wir unseren eigenen Ansatz vorgestellt. Wichtig war hier, dass der lokale Partner Komeho dabei "den Hut aufhatte" und africrops! die beratende Rolle übernahm. Indem wir uns von Anfang an im Rahmen der vorhandenen Regulierungen bewegten, erfuhren wir eine große Offenheit, die dann in eine Inspektion durch namibische Fachleute im Rahmen der NTA mündete.

Der Ausbildung der Trainerinnen und Trainer kommt eine besondere Rolle zu. Besonders die Ausbildung in einem produzierenden Umfeld und der unternehmerische Ansatz, den Überschuss der Produktion zu vermarkten, sind neue Aspekte für die Ausbildungs- und Lehrkräfte.

africrops! setzt hier einen Landwirtschaftsmeister ein, der nicht nur Erfahrungen in der Ausbildung hat, sondern auch einen Betrieb leiten kann. Diese Eigenschaften bringen Trainerinnen und Trainer in afrikanischen Ländern selten mit. Während sie über eine gute theoretische Ausbildung (Master-Abschluss) verfügen, fehlen meist praktische und unternehmerische Kompetenzen. Diese Lücke zu füllen, gehört zu den wesentlichen Aufgaben des Coachings.

Dual – aber nicht deutsch!

Das deutsche Berufsbildungssystem wird in der Welt sehr geschätzt. Das gilt vor allem für den dualen Ansatz, bei dem drei Merkmale hervorzuheben sind: Auszubildende erlernen den jeweiligen Beruf in einem Arbeitskontext, was in einer Berufsschule durch den Erwerb theoretischen Wissens ergänzt wird. Im praktischen Arbeitsumfeld gibt es Ausbilderinnen und Ausbilder, die für einen Lehrbetrieb obligatorisch sind; diese unterscheiden sich deutlich von Lehrenden. Auszubildende lernen praktisch, dass ihre Arbeit eine wirtschaftliche Komponente bzw. Bedeutung besitzt.

Auf der Bio-Ausbildungsfarm wurden diese Kernelemente beachtet: Eine räumliche Trennung zwischen praktischer und theoretischer Ausbildungsstelle wurde durch das Prinzip "80 Prozent auf dem Feld und 20 Prozent in einem Seminarraum" ersetzt. Die Ausbilderinnen und Ausbilder sind eher Coaches als Lehrende. Und was die wirtschaftliche Komponente betrifft: Die hochwertigen Erzeugnisse kommen auf den Kantinentisch, die Überschüsse werden am Tor an die Nachbarn verkauft und die Einnahmen werden von den Auszubildenden mitverwaltet.

Diese Vorgehensweise gilt weitgehend unabhängig von den jeweiligen Curricula. Zwar werden dieselben Inhalte, also die oben erwähnten Unit Standards, auch in den staatlichen Ausbildungsstätten gelehrt, aber auf einer solchen Ausbildungsfarm bekommen die Inhalte eine unmittelbarere Relevanz. 


Lessons Learned: Erfolgsfaktoren

  • Partner vor Ort, der mit seiner Infrastruktur und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen neuen Weg der Berufsausbildung unterstützen kann und will
  • Enge Abstimmung mit den zuständigen nationalen Behörden, was die Akzeptanz der Ausbildung erhöht und einen nachhaltigen Zugang zu Ressourcen wie Standards, Finanzierung, Gerätschaften und so weiter ermöglicht
  • Formulierung von Kompetenzen und deren Vermittlung durch gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer
  • Auf guten Grundlagen aufbauen, zum Beispiel vorhandene Standards und Curricula nutzen und sich um eine angemessene Implementierung kümmern
  • Nationale Qualifikationen anstreben, was auch zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen kann
  • Nachhaltigkeit implementieren, bestehend aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Komponenten

Video

Our Future is Organic: Namibia's First Organic Farming Vocational Training Centre

Filmische Dokumentation des Projekts bei YouTube, englisch, 18 Minuten


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Nahaufnahme zweier africrops-Mitarbeiter

links: Dr. Heinrich Heinrichs, rechts: Dr. Andreas Wesselmann, beide Geschäftsführer africrops! GmbH