China: Vom 15. Fünfjahresprogramm bis zur Umsetzung deutscher Modelle
Am 28. April 2026 organisierte iMOVE ein Webinar zum 15. Fünfjahresprogamm Chinas. Es ging um die politische Einordnung des Programms und dessen Verbindung mit praktischen Erfahrungsberichten zur Lokalisierung deutscher Berufsbildungsmodelle in China.
Hintergrund
Das 15. Fünfjahresprogramm (2026–2030) bestätigt Chinas strategischen Kurs hin zu technologiegetriebener Modernisierung. Das Programm stärkt die Binnenmarktorientierung und fokussiert unter anderem Innovation und Digitalisierung.
Aus der Perspektive der Berufsbildung setzt das 15. Fünfjahresprogramm konkrete Schwerpunkte:
- Steigerung von Qualität und Attraktivität beruflicher Schulen,
- bessere Abstimmung von Fachrichtungen auf regionale Industrie- und Innovationsketten,
- Förderung der Durchlässigkeit des Berufsbildungssystems.
Kristine Faenger, Leiterin iMOVE, eröffnete die Veranstaltung und stellte die Referentin und Referenten vor, die das aktuelle Fünfjahresprogramm politisch einordneten und über ihre jüngsten praktischen Erfahrungen berichteten.
Titelfolie der Präsentation von Corinne Abele, Leiterin Außenwirtschaftsbereich, Germany Trade & Invest, Shanghai
Erste Einblicke in Chinas 15. Fünfjahresplan
Corinne Abele, Leiterin des Außenwirtschaftsbereich der Germany Trade & Invest (GTAI) in Shanghai, gab einen Überblick zur wirtschaftlichen Lage Chinas im ersten Quartal 2026 und zu den Kernelementen des 15. Fünfjahresprogramms.
Abele hob hervor, dass Peking einerseits die Öffnung für ausländische Investitionen gezielt fördert - unter anderem durch aktualisierte Kataloge und Anreize für Reinvestitionen - und andererseits durch Programme wie "Going Global 2.0" zur Unterstützung auslandsaktiver chinesischer Unternehmen installiert hat.
Für deutsche Unternehmen ergeben sich dadurch sowohl Chancen wie die Beteiligung an staatlichen Projekten oder die Nachfrage nach Umweltdiensten und Marken, als auch Herausforderungen durch zunehmenden Innovationsdruck, stärkeren Wettbewerb und die politische Priorisierung der technologischen Unabhängigkeit.
Die wachsende Bedeutung der Bildung im Bereich der Künstlichen Intelligenz und deren Integration in Lehrpläne stellte Abele als Kernelement der Umsetzung des Fünfjahresprogramms heraus.
Titelfolie der Präsentation von Yun Yue, Repräsentant der iMOVE-Kontaktstelle China
Politische Impulse und aktuelle Dynamiken in der Berufsbildung Chinas
Yun Yue, Repräsentant der iMOVE-Kontaktstelle in China, ordnete die aktuellen Dynamiken in Chinas Berufsbildung ein.
Yue erläuterte, dass das 15. Fünfjahresprogramm zwei berufsbildungsbezogene Abschnitte enthält - zum einen den Ausbau der Leistungsfähigkeit berufsbildender Schulen und zum anderen die Durchführung großangelegter beruflicher Qualifizierungsmaßnahmen.
Er nannte die demografisch bedingten Herausforderungen der stark steigenden Absolventenzahlen und der hohen Jugendarbeitslosigkeit und betonte, dass die Absolventinnen und Absolventen beruflicher Bildung auf dem Arbeitsmarkt zunehmend bessere Chancen haben.
Wichtige Reforminstrumente sind hier zum Beispiel das "Doppel-Hoch"-Programm zur Förderung hochrangiger berufsbildender Hochschulen, die Aufwertung einzelner Berufsschulen auf Bachelor-Niveau sowie die großangelegte Aktion zur beruflichen Weiterbildung "Kompetenzen erhellen die Zukunft".
Yue betonte, dass der Kern der Reformen der chinesischen Berufsbildung die enge Integration von Industrie und Bildung ist.
Titelfolie der Präsentation von Tido Janssen, Direktor Vocational Education and Talents Solutions, AHK Greater China
Lokalisierung als Herausforderung
Tido Janssen, Direktor Vocational Education and Talents Solutions bei der AHK Greater China, diskutierte die praktische Lokalisierung deutscher Berufsbildungsprojekte in China.
Janssen skizzierte verschiedene Motivationen chinesischer Berufsschulen für die Kooperation mit deutschen Dienstleistern: politische Bewertungs- und Rankingmechanismen, Investitionsanreize von Industrieparks, kommerzielle Geschäftsmodelle sowie persönliche Ambitionen von Menschen in Leitungspositionen als Treiber für "Leuchtturmprojekte". Er warnte aber auch vor den Risiken der einzelnen Motivationstypen wie mangelnde lokale Identifikation, Abhängigkeit von charismatischen Einzelpersonen und Zielkonflikten in Mischfinanzierungsmodellen.
Entscheidend ist eine realistische Erwartungssteuerung, nachhaltige Verankerung in lokalen Strukturen und klare Governance-Modelle, um Projekte langfristig tragfähig zu machen, so Janssen.
Duale Bildung für starke Karrieren und nachhaltiges Handeln
Einen Beitrag aus der Praxis lieferte Jens Kröger, Leiter der globalen dualen Berufsbildung bei Endress+Hauser. Er stellte die Vorgehensweise seines Unternehmens zur Implementierung eines dualen Ausbildungsprojekts in China vor.
Ziel des Projekts ist einerseits die fachliche und persönliche Förderung junger Menschen und andererseits die Gewinnung hochqualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Produktionsstandorte in China. Er beschrieb den Projektverlauf von der Vorprüfung und Standortbesichtigung über die Auswahl kooperierender Schulen bis hin zur Errichtung eigener Trainingszentren.
Zur Qualitätssicherung nannte Kröger als Kernfaktoren: ein global abgestimmtes Curriculum mit standardisierten Training Units und Toolbox, der Einsatz erfahrener Vollzeit-Trainerinnen und -Trainer sowie die Teilnahme der Auszubildenden an nationalen und AHK Prüfungen. Er hob hervor, dass diese Elemente die Anerkennung der Ausbildung erhöhen und so die Nachhaltigkeit des Projekts sichern.
Interaktive Diskussion und Abschluss
In der Fragerunde wurden unter anderem Themen wie künftige Hotspots der deutschen Berufsbildung in China und die Entwicklung des chinesischen 1+X-Zertifikatsystems diskutiert.
Die Veranstaltung bot eine kompakte Mischung aus politischer Einordnung und praxisnahen Umsetzungserfahrungen, die deutlich machen, welche Möglichkeiten der chinesische Markt für die Berufsbildung birgt.