Bildungsforum Asien: Bildungswirtschaft zwischen Fachkräftemobilität und Digitalisierung
Das zweite deutsch-asiatische Bildungsforum brachte am 27. März 2026 wieder rund 100 internationale Gäste und Experten aus Wirtschaft, Politik und Bildungswesen zusammen, um über faire Fachkräftegewinnung, dynamische Berufsbildungsmärkte und zukunftsorientierte Synergien in der Zusammenarbeit zu sprechen. Veranstaltet wurde es von iMOVE in bewährter Partnerschaft mit dem OAV in der Handelskammer Hamburg.
Von links nach rechts: Kristine Faenger, Leitung iMOVE im BIBB; Thivanka Athuraliya, Charge d´Affaires, Botschaft Sri Lanka; Dr. Arnd Nenstiel, Vorsitzender OAV - German Asia-Pacific Business Association; Aishath Shaan Shakir, Botschafterin Malediven; Birgit Thomann, Leiterin Abteilung Internationale Berufsbildung im BIBB
Zu Beginn der Veranstaltung betonte Dr. Arnd Nenstiel, Vorsitzender OAV - German Asia-Pacific Business Association, in seinen begrüßenden Worten, wie sehr die Veranstalter die Teilnahme – vor allem der internationalen Gäste – schätzen, um Teil des Forums und dessen bereichernden Austauschs zu sein. Er nannte ausdrücklich den Botschafter aus Bangladesch und die Botschafterinnen von den Malediven und den Philippinen sowie Botschaftsvertreterinnen und Botschaftsvertreter aus China, Indonesien, Korea, der Mongolei, Myanmar, Sri Lanka und Thailand als besonders willkommene Gäste.
Kristine Faenger, Leiterin von iMOVE, stimmte in ihrer Begrüßung das Publikum auf ein abwechslungsreiches Programm ein, das um die zentrale Frage kreiste, wie Fachkräftemobilität mit Unterstützung der Bildungswirtschaft erfolgreich, nachhaltig und fair gestaltet werden kann.
Per Videobotschaft übermittelte La Vibol, Unterstaatssekretär des Ministeriums für Arbeit und Berufsbildung des Königreichs Kambodscha, seine Keynote. Nach seinen Worten ist die deutsch-asiatische Zusammenarbeit im Bildungssektor für sein Land aktuell wichtiger denn je. Vor allem die technologischen Veränderungen hätten immense Auswirkungen auf die globalen Arbeitsmärkte, deren Nachfrage nach Produktivität und Resilienz wachse. Die berufliche Bildung sei längst kein zweitrangiger Bildungsweg mehr in Kambodscha, sondern eine zentrale Säule der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und des sozialen Fortschritts.
Die wachsende Bedeutung beruflicher Bildung in internationalen Partnerschaften betonte auch Birgit Thomann, Leiterin der Abteilung Internationale Berufsbildung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), in ihrer Keynote. Ein Grundprinzip sei die Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Das gemeinsame Ziel seien starke Kooperationen, von denen alle Beteiligten profitieren. Die Strategie in Deutschland ziele darauf ab, die Berufsbildungssysteme in den Partnerländern zu stärken und gleichzeitig qualifizierten Auszubildenden und Fachkräften den Weg nach Deutschland zu ebnen.
Panel 1: Anschlussfähigkeit Deutschlands
Das erste Panel des Tages unter der Leitung von Enrico Rühle (Geschäftsführer von Smart Future Campus GmbH) drehte sich um die Frage "Verliert Deutschland in Asien den Anschluss? – Stärkung von Partnerschaften in Industrie, Bildung und Politik". Dabei stand die Situation im Markt China im Mittelpunkt.
Die deutsche Botschafterin in China Dr. Patricia Flor stellte fest, dass es im aktuellen deutsch-chinesischen Verhältnis mehr denn je darauf ankomme, dass Kooperationen für beide Seiten von Nutzen sind. Sie betonte, dass Deutschland nach wie vor Weltklasse im Bereich der beruflichen Bildung sei, sich aber das Feld durch neue Technologien und den Einsatz von künstlicher Intelligenz schnell verändere.
Andreas Dick, Vorstandsmitglied bei Škoda Auto und fast 13 Jahre in China aktiv, bestätigte ihre Aussage und fügte hinzu, dass die Ausbildung nach dualen Prinzipien in China zwar traditionell einen guten Ruf genieße, dass aber ohne rasche Anpassung und Einbeziehung modernster Technologien wie Künstliche Intelligenz die Gefahr bestünde, im dynamischen chinesischen Markt ins Hintertreffen zu gelangen.
Die Geschwindigkeit, mit der neue Bedarfe der Industrie nach veränderten Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt entständen, ließen die Firmen umdenken und nach immer flexibleren Lösungen suchen, berichtete Brigitte Hanemann als Expertin für globale Geschäftsentwicklung bei der TÜV SÜD Akademie GmbH.
Im Hinblick auf die Gefahr der Anschlussfähigkeit Deutschlands in Asien stellte Fathi Jamal, Export Manager bei Dr.-Ing. Paul Christiani GmbH & Co. KG, fest, dass Deutschland angesichts der Konkurrenz mit anderen Ländern auf dem chinesischen Markt mehr in ganzheitliche Lösungen investieren müsse, an denen sowohl die örtlichen Regierungen beteiligt werden als auch lokale TVET- Schulen und lokale Firmen.
Panel 2: Fallbeispiel: Faire Fachkräftegewinnung
Das viel diskutierte Thema der Fachkräftegewinnung aus dem Ausland und der damit verbundenen transparenten Anwerbung behandelte das zweite Panel des Vormittags anhand eines Beispiels für faire Arbeitsmigration aus Indien.
Das Panel unter der Moderation von Silvia Niediek (Regional-Managerin bei iMOVE) gab dem Publikum des Bildungsforums einen authentischen Einblick in den vielschichtigen Einwanderungsprozess.
Ren Sebastian Kattiparambil Kunjappan aus dem Bundesstaat Kerala berichtete, wie er zurzeit bei der AKH Eisenbahn GmbH zum Zugführer ausgebildet wird und sich in täglichen abendlichen Treffen mit seinen Kolleginnen und Kollegen zusätzlich fachsprachliches Wissen aneignet.
Wie der Prozess der Anwerbung aus unternehmerischer Sicht lief, schilderte Matthias Meyer, Geschäftsführer der AKH Eisenbahn. In Zusammenarbeit mit der Vermittlungsfirma HonestPassion Global GmbH, vertreten durch deren Geschäftsführer Philipp Hartmann, zeigten beide den Weg auf, wie junge internationale Talente für den deutschen Arbeitsmarkt gefunden und ausgiebig vorbereitet werden. Der gesamte Prozess sei insgesamt für alle Beteiligten komplett transparent und dauere rund 18 Monate. Zudem findet eine einjährige Betreuung in Deutschland durch HonestPassion Global statt. Matthias Meyer betonte, dass die fachsprachliche Qualifikation der Auszubildenden aktuell die größte Herausforderung darstelle, da es kaum branchenspezifische Lehrmaterialen gebe.
Auch Arunachalam Karthikeyan, Leiter der iMOVE-Kontaktstelle Indien, nannte den deutschen Spracherwerb in Indien ein großes Problem. Durch das wachsende Interesse an einer Beschäftigung in Deutschland und Europa könne der Bedarf an Sprachangeboten kaum gedeckt werden, wodurch immer mehr private Sprachinstitute Deutschkurse anböten. Mit Blick auf das Lehrpersonal sowie Didaktik und Methodik mangele es jedoch an der Qualität. Hier sehe er großes Potenzial für eine weitere Standardisierung und den Ausbau von Sprachinstituten mit passendem Know-how.
Spotlight: Fachkräftestrategie der Bundesregierung
In einem Spotlight zwischen den Panels betonte Dr. Merle Kreibaum, Leitende Referentin beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die Bedeutung der Berufsbildung und stellte sie als zentralen Aspekt der Entwicklungszusammenarbeit heraus.
Mit der Gründung der Fachkräfte-Allianz am 12. März 2026 setze das BMZ mit "WE-Fair: Wirtschaft und Entwicklung für eine faire Fachkräftegewinnung" die Fachkräftestrategie der Bundesregierung weiter um. Die Kernpunkte der Allianz ließen sich in vier Zielen zusammenfassen:
Zum einen setze man sich für transparente Regeln und eine faire Fachkräftegewinnung ein. Zweitens sollten Ausbildungsangebote geschaffen werden, die sowohl für das Arbeiten in Deutschland als auch in den Herkunftsländern qualifizieren. Zudem sollten die digitale Bildung ausgebaut und digitale Beratungsangebote erweitert werden. Auch die administrativen Abläufe sollten digitalisiert sein. Als vierten Punkt verpflichte sich das BMZ Kosten und Risiken zwischen den Akteuren zu verteilen, damit sich Arbeitgeber gegen Ausfallrisiken absichern können und die Fachkräfte ihre Weiterbildungen oder Umzugskosten stemmen können. Auch komme es darauf an, Erfolgsgeschichten zu promoten und gute Ideen miteinander zu teilen.
Panel 3: Berufsbildung versus Entwicklungszusammenarbeit: Synergie oder Konkurrenz?
Das Feld der beruflichen Bildung betrifft Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit gleichermaßen. Daher war das erste Panel des Nachmittags mit der Frage befasst: "Synergie oder Konkurrenz? Erhöhung der Möglichkeiten für die deutsche Berufsbildung mit der Entwicklungszusammenarbeit im asiatisch-pazifischen Raum".
Unter der Moderation von Sören Konaretzki (Regional-Manager beim OAV) diskutierten Nadja Schneider (Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit bei Lucas Nuelle GmbH), Mark Carlos Tito G. Gumapon (stellvertretender Geschäftsführer für Politik und Öffentlichkeitsarbeit bei Don Bosco One TVET Philippinen Inc.), Afsana Rezaie (stellvertretende Programmleiterin TVET Reform Programm Viet Nam bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ GmbH) und Dr. Susanne Franke (Unternehmenskooperationen bei Don Bosco Mondo e.V.).
Tito Gumapon stellte heraus, dass es keine Konkurrenz zwischen der Berufsbildung und der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) gebe, sofern die Rollen aller Beteiligten klar definiert seien. Diese Aussage unterstrich Nadja Schneider und berichtete von ihren Erfahrungen mit GIZ-Projekten, bei denen die Bildungswirtschaft mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung nicht ausreichend von den Entscheidungsträgern der Entwicklungszusammenarbeit gesehen und einbezogen werde.
Aus der Perspektive der EZ bekräftigte Afsana Rezaie, dass die Entwicklungszusammenarbeit die Expertise bei der Verteilung der Mittel habe, jedoch die Bildungswirtschaft die benötigten inhaltlichen und technischen Bildungsbedarfe decken könne und solle.
Vor allem gelte es, den Anforderungen von TVET-Zentren im Ausland und örtlichen Firmen nachzukommen, so Dr. Susanne Franke. Auch nach zehn Jahren wachse die Nachfrage nach gut ausgestatteten Ausbildungszentren und der Weiterqualifizierung von Lehrpersonal im asiatisch-pazifischen Raum. Train-of-Trainers als bewährtes Weiterbildungskonzept und Beitrag zu einer nachhaltigen Berufsbildung sei dabei essenziell.
Panel 4: Bildungswirtschaft und Fachkräfterekrutierung
Der Markt internationaler Talente ist zunehmend umkämpft. Viele deutsche Firmen konkurrieren global mit englischsprachigen Ländern bei der Gewinnung neuer Fachkräfte aus dem Ausland. Im vierten Panel des Forums diskutierten die Teilnehmenden lebhaft darüber, wie die Bildungswirtschaft und Unternehmen bei der Personalgewinnung in Zukunft noch besser und intensiver zusammenarbeiten können.
Als Moderatorin führte Janina Habla (Geschäftsführende Gesellschafterin bei EY Tax GmbH) durch die Runde.
Fiona Thu, Partnerin bei Contagi GROUP GmbH Südostasien, merkte an, dass es eine große Lücke zwischen dem Angebot des Marktes und der Nachfrage der Unternehmen gebe, nicht zuletzt durch sich schnell weiterentwickelnde Marktbedingungen, die durch KI und moderne Technologien ausgelöst würden.
Gyvinne Koh, Geschäftsführerin von German Educare, nannte als Vorteile, die deutsche Unternehmen gegenüber beispielsweise anderen asiatischen Arbeitgebern hätten, etwa, dass es in Deutschland eine gute "Work-Life-Balance", faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen gebe, die asiatische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wertschätzten.
Jannik Heckenhahn, Unternehmensberater bei ICUnet Group, sprach den Umstand an, dass internationale Talente über ihre Anwerbung hinaus betreut werden sollten, zum Beispiel durch interkulturelle Trainings oder den zwischenmenschlichen Austausch im Kollegenkreis, um ihnen die Möglichkeit zu geben, erfolgreich im Unternehmen zu sein.
Gyvinne Koh und Fiona Thu führten zudem aus, dass viel vom Erwartungsmanagement abhänge und die Unterschiede in einer internationalen Mitarbeiterschaft immer neue Potenziale mit sich brächten.
Das Panel war sich einig, dass die praktische (Aus- oder Weiter-)Bildung nach wie vor über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Zusätzlich stellten die Teilnehmenden des Panels zur Diskussion, ob die Industrie in einigen Branchen die Anforderungen, wie den Erwerb des B2-Sprachzertifikats, herunterschrauben sollte. Dies könne internationalen Talenten entgegenkommen, die beispielsweise nur temporär für die Arbeit nach Deutschland immigrieren.
Fazit und Ausblick
Der Konflikt im Nahen Osten sorgte für Anreiseschwierigkeiten vor allem bei den asiatischen Teilnehmenden. Viele geladene Gäste mussten ihr Kommen kurzfristig absagen. Daher konnte auch die geplante Breakout-Session "Talent Pool India" mit deutsch-indischen Kooperationspartnern diesmal nicht stattfinden.
Trotz der Umstände machte das deutsch-asiatische Bildungsforum erneut sichtbar, dass transnationale Bildungskooperationen erhebliche Chancen eröffnen: Sie fördern den Austausch von Wissen und Erfahrungen, ermöglichen neue Partnerschaften und tragen zu einer nachhaltigen Gewinnung von Fachkräften bei. Davon profitieren Unternehmen, Beschäftigte sowie die Wirtschaftssysteme in Herkunfts- und Zielländern gleichermaßen.
Die Stimmen aus Wirtschaft, Bildungswirtschaft und Politik erkennen an, dass die Herausforderungen der dynamischen Märkte nur durch Synergien langfristig bewältigt werden können. Gute Beispiele und Trends, wie dies gelingen kann, wurden im Bildungsforum Asien 2026 aufgezeigt. Nun ist es wichtig, für eine faire und nachhaltige Fachkräftegewinnung, genau dort weiterzumachen.