Chinas 15. Fünfjahresplan: Chancen für die deutsche Bildungsbranche?
Der neue "Plan zur Entwicklung des Bildungswesens im Rahmen des 15. Fünfjahresplans" konkretisiert Chinas bildungspolitische Strategie bis 2030. Die iMOVE-Kontaktstelle China wirft einen Blick auf zentrale Ziele und Entwicklungen, die auch für deutsche Bildungsanbieter relevant sind.
Chinas "Plan zur Entwicklung des Bildungswesens im Rahmen des 15. Fünfjahresplans"
Was sollte die deutsche Berufsbildungs- und Weiterbildungsbranche beachten?
Im Juni 2026 veröffentlichte der chinesische Staatsrat offiziell den "Plan zur Entwicklung des Bildungswesens im Rahmen des 15. Fünfjahresplans" (im Folgenden kurz "Plan"). Er konkretisiert und operationalisiert die bildungspolitischen Leitlinien, die im März dieses Jahres im "Chinas 15. Fünfjahresplan" veröffentlicht worden waren.
Für die deutsche Berufsbildungs- und Weiterbildungsbranche ist es hilfreich, die konkreten Maßnahmen und Entwicklungstendenzen des Plans zu verstehen, um die Entwicklungsrichtungen und Geschäftsmöglichkeiten der chinesischen Berufsbildung in den kommenden fünf Jahren besser einschätzen zu können.
Dieser Artikel orientiert sich am Analyserahmen der Online-Infoveranstaltung zur chinesischen Berufsbildung von iMOVE im April 2026 und ordnet die relevanten Inhalte in vier Dimensionen ein: Berufsausbildung, berufliche Weiterbildung, Internationalisierung sowie Bildung im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Berufsausbildung: Differenzierte Entwicklung und Ausrichtung an der Industrie
"Double-High (Shuang Gao)"-Initiative
Umsetzung der neuen Initiative: Industrieorientierung und quantifizierte Ziele
Der Plan sieht ausdrücklich vor, die Umsetzung der zweiten Phase der "Double-High"-Initiative an Einrichtungen der höheren Berufsbildung zu beschleunigen. Damit wird an die bisherige "Double-High"-Initiative angeknüpft und zugleich weiterentwickelt. Der Schwerpunkt wird von der Förderung von Berufsbildungseinrichtungen und Fachrichtungen auf hohem Niveau auf ein Modell verlagert, das durch eine hohe Leistungsfähigkeit der Bildungseinrichtungen und eine hochwertige Verzahnung von Berufsbildung und Wirtschaft gekennzeichnet ist. Die Bewertungskriterien verschieben sich damit vom Eigenaufbau der Schulen hin zu deren tatsächlichem Beitrag zur industriellen Entwicklung.
Bei den quantitativen Zielvorgaben nennt der Plan klare Größenordnungen:
- Aufbau von rund 60 leistungsstarken höheren Berufsbildungseinrichtungen und rund 160 leistungsstarken Fachrichtungsclustern
- Einrichtung von rund 100 nationalen Verbünden für die Integration von Industrie und Bildung auf regionaler Ebene sowie rund 20 nationalen branchenbezogenen Gemeinschaften für die Integration von Industrie und Bildung
- Aufbau von 200 praxisorientierten Ausbildungszentren für die Integration von Industrie und Bildung sowie rund 20 Zukunftsausbildungszentren
- Förderung einer Reihe hochwertiger Technikerakademien und 100 hochwertiger Fachrichtungen
Berufliche Bachelorstudiengänge (Zhi Ye Ben Ke)
Von Pilotprojekten zur großflächigen Entwicklung
Der Plan fordert ausdrücklich, die Ausbildung an beruflichen Mittelschulen, höheren Berufsschulen und in beruflichen Bachelorstudiengängen miteinander zu verzahnen, die Zahl der berufsbildenden Hochschulen auf Bachelor-Niveau schrittweise zu erhöhen und die Aufnahmezahlen auszuweiten. Dies markiert den Übergang der beruflichen Bachelorbildung von der Phase der Pilotprojekte und Erprobung in eine Phase der großflächigen Entwicklung.
Der wesentliche Unterschied zwischen beruflichen Bachelorstudiengängen und traditioneller höherer Berufsbildung liegt darin, dass berufliche Bachelorstudiengänge anwendungsorientierte Ingenieur- und Fachkräfte ausbilden. Sie vermitteln ein breiteres Wissen und fördern stärker die Fähigkeit, verschiedene Kompetenzen miteinander zu verbinden. Die Studiendauer beträgt meist vier Jahre und ein beruflicher Bachelorabschluss wird verliehen.
Der Plan sieht außerdem vor, die berufliche Bachelorbildung mit der Ausbildung zu berufsbezogenen Masterabschlüssen zu verzahnen. Dies bedeutet, dass Absolventinnen und Absolventen beruflicher Bachelorstudiengänge künftig mehr Möglichkeiten für ein weiterführendes Studium erhalten werden.
"Double-Excellence (Shuang You)“-Initiative
Förderung der chinesischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften im Rahmen der Initiative: Orientierung an deutschen Fachhochschulen
Der Plan sieht vor, eine neue Förderinitiative zur Weiterentwicklung leistungsstarker anwendungsorientierter Hochschulen auf Bachelor-Ebene zu starten.
"Double Excellence" steht dabei für eine hervorragende institutionelle Leistungsfähigkeit sowie herausragende Beiträge zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Region. Ziel des Plans ist es, rund 200 leistungsstarke anwendungsorientierte Hochschulen auf Bachelor-Ebene zu fördern und weiterzuentwickeln. Ihrer Ausrichtung nach sind diese Hochschulen mit den deutschen Fachhochschulen oder Hochschulen für angewandte Wissenschaften vergleichbar.
Der Plan fordert diese Hochschulen auf, sich auf wichtige industrielle Wertschöpfungsketten zu konzentrieren und hochwertige, profilbildende Cluster von Fachrichtungen und Studiengängen zu entwickeln. Gemeinsam mit Unternehmen sollen sie Plattformen für Innovationen im Rahmen der Integration von Industrie und Bildung sowie Plattformen für den Transfer und die Verwertung von Technologien aufbauen.
Die "Double-Excellence"-Hochschulen sollen den Schwerpunkt auf die Anwendung von Technologien und den Transfer von Forschungsergebnissen legen. Damit ergänzen sie die neuen "Double-High"-Einrichtungen, deren Schwerpunkt auf der Ausbildung von Fachkräften mit praktischen Kompetenzen liegt. Gemeinsam sollen beide Institutionstypen die industrielle Aufwertung der Regionen unterstützen.
Integration von Industrie und Bildung
Vom Leitgedanken zu institutionellen Regelungen
Der Plan konkretisiert weiterhin die institutionellen Träger und Umsetzungswege, durch die die Integration von Industrie und Bildung zum Kern der chinesischen Berufsbildung und Fachkräfteausbildung werden soll.
Mit Blick auf die beteiligten Akteure stellt der Plan ausdrücklich fest, dass führende Unternehmen einer Branche ermutigt werden sollen, Berufsschulen zu gründen oder sich an deren Gründung und Betrieb zu beteiligen. Die in Zhuhai ansässige Gree Technical School des in China weithin bekannten Haushaltsgeräteherstellers Gree Electric Appliances nahm im August erstmals Schülerinnen und Schüler auf und erprobt damit einen neuen Weg: von der gemeinsamen Einrichtung sogenannter "Auftragsklassen" mit Schulen hin zum eigenständigen Betrieb einer Bildungseinrichtung (China Daily: Zhuhai Gree Technical School initiates first autumn enrollment).
Mit Blick auf die Industrieorientierung fordert der Plan, die Fachrichtungsprofile der Berufsbildung eng an den Erfordernissen der industriellen Innovationsketten auszurichten. Darüber hinaus sollen Berufsbildungseinrichtungen ihre Fachrichtungen kontinuierlich mit Blick auf wichtige industrielle Wertschöpfungsketten, die intelligente Wirtschaft und die internationale Wirtschafts- und Handelskooperation entwickeln.
Berufliche Weiterbildung
Beschäftigungsförderung und Vervollständigung des Systems
Die Inhalte zur beruflichen Weiterbildung behandelt der Plan im Kapitel "Umfassende Steigerung der Qualität und des Niveaus öffentlicher Bildungsdienstleistungen". Dort werden insbesondere zwei Schwerpunkte genannt, nämlich "Förderung einer qualitativ hochwertigen und umfassenden Beschäftigung von Hochschulabsolventinnen und -absolventen" und "Optimierung öffentlicher Dienstleistungen für lebenslanges Lernen".
Im Bereich der Beschäftigungsförderung sieht der Plan spezielle Maßnahmen vor, darunter "die qualitative und quantitative Ausweitung der Beschäftigungsmöglichkeiten für Hochschulabsolventinnen und -absolventen", "die Bereitstellung öffentlicher Beschäftigungsdienstleistungen auf dem Campus" sowie "Sonderaktion zur Förderung der Beschäftigung durch Unternehmensgründungen von Hochschulstudierenden".
Darüber hinaus soll die Zusammenarbeit zwischen allgemeinen Hochschulen, Berufsbildungseinrichtungen und Open University (Hochschule für offene und flexible Fernbildung) intensiviert werden. Ressourcen sollen stärker auf die Bedürfnisse der Lernenden zugeschnitten und entsprechende Weiterbildungsangebote entwickelt werden.
Dies bedeutet, dass die Anbieter beruflicher Weiterbildung künftig vielfältiger werden. Allgemeine Hochschulen und Berufsbildungseinrichtungen werden zunehmend in das System der lebenslangen beruflichen Weiterbildung einbezogen. In China ist bereits zu beobachten, dass einige Hochschulabsolventinnen und -absolventen nach ihrem Studium erneut eine Berufsschule besuchen, um praktische technische Kompetenzen zu erwerben (Chin@Strategy: Why China's technical schools offer both hope and despair for jobless college grads).
Im Bereich des lebenslangen Lernens betont der Plan konkrete Maßnahmen wie "die Vervollständigung des Systems zur Anerkennung, Sammlung und Übertragung von Lernergebnissen" sowie "die beschleunigte Einrichtung von sogenannten Credit Banks".
Internationalisierung der Berufsbildung: "Hereinholen" und "Hinausgehen"
Im Abschnitt "Ausweitung einer hochwertigen Öffnung des Bildungswesens nach außen" nimmt der Plan eine systematische Einordnung der Internationalisierung der Berufsbildung vor. Dabei zeichnet sich ein strategischer Wandel ab: von einer ursprünglich stärker auf das "Hereinholen" ausgerichteten Zusammenarbeit hin zu einer stärkeren Orientierung am "Hinausgehen".
"Hereinholen": Offenheit bewahren und pragmatischer werden
Der Plan sieht vor, hochrangige ausländische Hochschulen mit naturwissenschaftlich-technischer Ausrichtung zu ermutigen, in China gemeinsam Bildungseinrichtungen zu betreiben oder Bildungskooperationen aufzubauen. Die ausdrückliche Beschränkung auf Hochschulen mit naturwissenschaftlich-technischer Ausrichtung zeigt eine pragmatischere und gezieltere Orientierung.
Gleichzeitig sieht der Plan vor, ein umfassendes Unterstützungssystem für Auslandsstudierende entlang der gesamten Bildungskette auszubauen und die Tradition zu fördern, durch ein Studium im Ausland erworbene Kenntnisse in den Dienst der Entwicklung des Landes zu stellen.
"Hinausgehen": Export von Standards und systematische Unterstützung
Die Maßnahmen des Plans zum "Hinausgehen" sind dagegen systematischer und konkreter. Zu den zentralen Inhalten gehören:
- Die Weitergabe chinesischer Standards und chinesischer Lösungsansätze in den Bereichen Berufsbildung, Grundbildung, Ingenieurausbildung, Bildung im Bereich künstliche Intelligenz und Lehrkräfteentwicklung.
- Der Aufbau einer Reihe von "Ausbildungseinrichtungen für herausragende Ingenieurinnen und Ingenieure", "Science and Technology Courtyards - ländliche Zentren für Agrarinnovation und Technologietransfer" sowie "Bildungszentren für traditionelle chinesische Medizin" im Ausland.
- Der Neubau oder die Aufwertung von rund 20 "Luban-Werkstätten - internationale Zentren für Berufsbildung und Technologietransfer".
- Die Ausbildung einer Reihe hochqualifizierter Fachkräfte, die in der Lage sind, Dienstleistungen im Ausland zu erbringen und Unternehmen bei ihrer internationalen Expansion zu unterstützen.
Künstliche Intelligenz
Neugestaltung von Ausbildung und Entwicklung von Lehrkräften
Der Plan versteht Künstliche Intelligenz (KI) als zentrale Antriebskraft für einen tiefgreifenden Wandel des Bildungswesens. Die entsprechenden Maßnahmen ziehen sich durch zwei zentrale Linien: die Ausbildung von Lernenden und die Entwicklung von Lehrkräften.
Im Bereich der Ausbildung formuliert der Plan ausdrücklich das Ziel, Bildung zu Künstlicher Intelligenz über alle Bildungsstufen hinweg voranzutreiben und die KI-Kompetenz der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen. Die KI-Bildung soll damit von der Hochschulbildung auf die Grundbildung und die Berufsbildung ausgeweitet werden. Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit der Lernenden, künstliche Intelligenz zur Lösung realer Probleme einzusetzen.
Im Bereich der Lehrkräfteentwicklung fordert der Plan groß angelegte spezielle Fortbildungsprogramme zur künstlichen Intelligenz für Lehrkräfte. Diese werden als wichtige Maßnahme zur Entwicklung eines hochqualifizierten Lehrkräftepersonals betrachtet.
Bereiche, auf die sich deutsche Bildungsanbieter besonders konzentrieren können
"Double-High"-Initiative
Den durch die Umsetzung der neuen "Double-High"-Initiative entstehenden Bedarf an Ausstattung und Lehrangeboten beobachten
Der Aufbau von 200 praxisorientierten Ausbildungszentren und rund 20 Zukunftsausbildungszentren sowie der Bedarf von leistungsstarken Berufsbildungseinrichtungen an moderner Ausbildungsausstattung werden deutschen Anbietern von Berufsbildungsausrüstung und Weiterbildungslösungen beachtliche Marktchancen eröffnen.
"Double-Excellence"-Initiative
Das Marktfenster durch die Ausweitung beruflicher Bachelorstudiengänge und die Förderung der Hochschulen für angewandte Wissenschaften im Rahmen der "Double-Excellence"-Initiative nutzen
Die steigende Zahl von beruflichen Bachelorstudiengängen, die wachsenden Aufnahmezahlen und die neue "Double-Excellence“-Initiative werden zu einer rasch zunehmenden Nachfrage nach Curricula, Lehrstandards und Lehrkräftefortbildungen führen. Die Ausbildungsmodelle deutscher Hochschulen für angewandte Wissenschaften und dualer Bachelorstudiengänge können in diesem Bereich als wichtige Referenz dienen.
Integration von Industrie und Bildung
Den institutionellen Bedarf bei der Integration von Industrie und Bildung beobachten
Der Aufbau von rund 100 regionalen und 20 branchenbezogenen Verbünden für die Integration von Industrie und Bildung wird einen Bedarf bei der Gestaltung entsprechender Kooperationsmodelle zwischen Schulen und Unternehmen sowie bei der Ausbildung betrieblicher Ausbilderinnen und Ausbilder hervorbringen. Die ausgereiften Erfahrungen der deutschen dualen Berufsbildung besitzen weiterhin Wettbewerbsvorteile.
Modulare Angebote
Den Bedarf an Beschäftigungsdienstleistungen und modularen Weiterbildungsangeboten im Markt beobachten
Die angespannte Beschäftigungssituation sowie die Weiterentwicklung der Systeme zur Anerkennung von Lernergebnissen und der "Credit Bank" werden eine Nachfrage nach Berufsorientierung und modularen Weiterbildungsangeboten schaffen. Standardisierte und zertifizierbare Weiterbildungsprodukte deutscher Anbieter können an diesem schnell wachsenden Markt teilhaben.
Internationale Kooperationen
Die Strategie für internationale Kooperationen anpassen
Im Rahmen der chinesischen Strategie, die Berufsbildung stärker "nach außen zu tragen", wird der Spielraum für reine "Hereinholen"-Kooperationsmodelle kleiner. Deutsche Institutionen könnten daher - sofern die Rahmenbedingungen dies zulassen - in Erwägung ziehen, gemeinsam mit chinesischen Berufsbildungseinrichtungen Ausbildungsstandards und Curricula für Drittmärkte zu entwickeln und sich gemeinsam an der Ausbildung von Fachkräften im Ausland zu beteiligen.
KI-Bildung
Den durch die KI-Bildung entstehenden systemischen Bedarf beobachten
Die Einführung von KI-Bildung über alle Bildungsstufen hinweg wird einen Bedarf an Curricula, Lehr- und Ausbildungsausstattung sowie an Lehrkräftefortbildungen auf sämtlichen Ebenen - von der Grundbildung bis zur Berufsbildung - hervorbringen. Deutschlands technologische Stärken im Bereich intelligenter Lehr- und Lernsysteme sowie bei simulationsgestützten Ausbildungslösungen könnten zur Geltung kommen.
- Autor: YUN Yue, Repräsentant der iMOVE-Kontaktstelle China
- August 2026
Hinweis
Haftungsausschluss: Alle Angaben hat der Autor sorgfältig recherchiert und zusammengestellt. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit des Inhalts sowie für zwischenzeitliche Änderungen übernimmt der Autor keine Gewähr.
Verwendete Quellen (Chinesisch/Englisch)
China Daily: Zhuhai Gree Technical School initiates first autumn enrollment
https://subsites.chinadaily.com.cn/xiangzhou/2026-08/20/c_1207044.htm
Chin@Strategy: Why China's technical schools offer both hope and despair for jobless college grads:
Originaltext (Chinesisch)
"Plan zur Entwicklung des Bildungswesens im Rahmen des 15. Fünfjahresplans"
https://www.gov.cn/zhengce/zhengceku/202606/content_7073641.htm
Quelle: iMOVE-Kontaktstelle China, 31.08.2026