Duale Ausbildung in Iran vorantreiben

Im Außenwirtschaftsmagazin "IranContact", Ausgabe 1/2019, gibt die Stiftung Bildung & Handwerk (SBH) unter dem Motto "100 Fragen & 100 Antworten" ein Interview über die Berufsbildungspartnerschaft mit Iran. Interviewpartner ist Jürgen Klingbeil, der die internationalen Aktivitäten der SBH leitet.

Was ist das Ziel vom Projekt Berufsbildungspartnerschaft (BBP) mit Iran?

Gefördert über das Programm der Berufsbildungspartnerschaft (BBP) des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) möchten wir gemeinsam mit unseren iranischen Partnern, der Irankammer "ICCIMA" (Iran Chamber of Commerce, Industry, Mines and Agriculture) und TVTO (Iran Technical Vocational and Training Organization) an der Implementierung von Elementen der dualen Berufsbil­dung in Iran mitwirken.

Schwerpunkte der BBP sind Organisationsentwicklung, um Ausbildungen praxisorientiert durchführen zu können, und Unternehmen für ein wirksameres Engagement in der Aus- und Weiterbildung zu gewinnen.

Wie hat sich die Zusammenarbeit bisher entwickelt?

Von Beginn an sind wir auf hohes Interesse und auch Engagement bei unseren iranischen Partnern gestoßen. Nach der Unterzeichnung einer Absichtserklärung haben wir gemeinsam einen Projektlenkungsausschuss etabliert, eine Homepage errichtet, um auch die Kommunikation in verschiedene Provinzen in Iran zu forcieren und die Idee der BBP voranzutreiben. Deshalb hat unser Langzeitexperte sehr viele Gespräche mit Repräsentanten unserer iranischen Partner in vielen Provinzen geführt.

Wir haben im Herbst 2018 für Bildungsakteure und Unternehmer einen zweitägigen Workshop in Teheran angeboten, mit 50 Teilnehmenden. Wir nutzen und bedienen Social-Media-Kanäle in Iran, denn erst einmal ist es wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten, das Verständnis für die duale Ausbildung zu fördern, die entscheidende Rolle von Unternehmen in der Berufsbildung zu betonen. Dazu haben wir 2018 eine Baseline-Studie durchgeführt, an der sich zahlreiche Unternehmen beteiligt haben.

Sicherlich bestehen stets Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Bildungssysteme zu verstehen, Gemeinsamkeiten zu erkennen und festzulegen, welche Standards an Innovation transferiert werden könnten. Zuerst einmal mussten wir Arbeitsformen finden, um im systemischen Diskurs Vorbehalte gegenüber traditionellen Formen der formalen und non-formalen Bildung kritisch zu hinterfragen.

Sie haben vor Kurzem eine Delegation aus Iran empfangen. Wie war das Programm und sind weitere geplant?

Die Studienreise für iranische Bildungsakteure, die an der Implementierung von beruflichen Bildungsgängen mitwirken, sollte vor allem das professionelle Zusammenwirken von Betrieb, Berufsschule, Berufsbildungszentrum, Kammern in der Ausbildung aufzeigen. Auch ein Besuch beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), bei iMOVE und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) stand auf dem Programm.

Eine weitere Studienreise ist vorgesehen, denn erst die Gespräche mit den deutschen Bildungsakteuren haben den Mitgliedern der Delegation die Augen für die Vorteile der dualen Berufsbildung geöffnet, wie unsere gemeinsame Evaluation ergeben hat.

Wie ist generell der Stand der beruflichen Ausbildung im Iran?

Wenn in Deutschland ein junger Mensch eine Ausbildung beginnt, ist er erst einmal ein Ungelernter. Über das Anlernen im Unternehmen, über die hohe Praxisorientierung wird er zum Fachmann, zur Fachfrau, wir nennen diese "Anlernphase" von drei oder 3,5 Jahren duale Ausbildung.

In Iran verlassen junge Menschen die Schule ohne Berufsorientierung. Wenn ihnen nicht der Sprung in ein Studium gelingt, wenn sie die Voraussetzungen nicht erfüllen, bleibt ihnen oft nur eine Beschäftigung in einem Unternehmen. Sie beginnen auch als Ungelernte. Sie lernen zwar sozusagen "on the job", können bei TVTO auch Weiterbildungen absolvieren, aber in der Regel bietet dieses Lernen im Unternehmen zu wenig Optionen auf einen Berufsabschluss.

Die Ausbildung in Berufsschulen ist zu theorielastig, geht am Bedarf der Unternehmen vorbei. Hier kommt meines Erachtens das System duale Berufsausbildung ins Spiel. Ein Abgleich von Lehrplänen, von Ausbildungsrahmenplänen wird ergeben, dass ganz viele Elemente einer dualen Ausbildung bereits durch die Tätigkeiten in den iranischen Unternehmen geleistet werden. Es gilt jetzt, diese auch entsprechend zu prüfen, zu zertifizieren, um den Status des Ungelernten in einen des Auszubildenden zu verwandeln.

Im Prinzip muss also kein System von außen in die Unternehmen transferiert werden, sondern die Unternehmen müssten gemeinsam mit ICCIMA, TVTO und der SBH erarbeiten, welche Elemente aus den Berufstätigkeiten geleistet werden, wo zusätzlich zum Beispiel in den Zentren von TVTO ausgebildet werden muss, im Sinne einer überbetrieblichen Ausbildung.

Wenn der Iran sich im globalisierten Wettbewerb behaupten will, wird er nicht umhinkommen, den Status "ungelernter Mitarbeiter" durch den Azubi und damit den Fachmann, die Fachfrau zu ersetzen. Daran wollen wir mitwirken.

Was sind die Chancen und Herausforderungen in dem Sektor?

Die Chancen sind gut. Die Herausforderungen bestehen darin zu erkennen, dass mit der dualen Berufsbildung kein System von außen in das iranische System eingeführt oder darübergelegt werden kann, sondern dass eine notwendige Veränderung in die Unternehmen getragen werden muss, und dass der Status "Ungelernt" ersetzt wird durch "Ausgebildet" und somit auch den jungen Menschen in Iran eine Zukunft geboten wird, denn junge Menschen hat der Iran verglichen mit Deutschland viele.

Portrait
© SBH

Interviewpartner Jürgen Klingbeil leitet die internationalen Aktivitäten der SBH

IranContact

Seit 2016 berichtet IranContact über den wieder neu geöffneten Markt und informiert über den aktuellen Stand der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Iran.

IranContact erscheint vierteljährlich beim OWC-Verlag für Außenwirtschaft GmbH.

Das Interview mit dem Titel "Duale Ausbildung in Iran vorantreiben" ist in der Ausgabe 1/2019 erschienen.

Stiftung Bildung & Handwerk

Stiftung Bildung & Handwerk (SBH) ist Mitglied in der iMOVE-Anbieter-Datenbank.


Quelle: OWC-Verlag für Außenwirtschaft GmbH, IranContact, Ausgabe 01/2019